Annatina Graf
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  Aurel Schmid, Die Augen im Teller auf dem Tisch
   
  Aurel Schmidt, Wellenschläge, Strandansicht, Meerestiefe
   
     
     
  Die Augen im Teller auf dem Tisch
 

Wenn in der Kunst in jedem einzelnen Bild alle übrigen enthalten beziehungsweise alle in einem einzigen angelegt sind, erhält die Frage, woher die Bilder kommen, wenn sie entstehen, eine mögliche Antwort. Im künstlerischen Vorgang schliesst jedes Bild an ein anderes an, manchmal kaum bewusst, manchmal explizit. Jedes einzelne führt alle anderen fort. Man nennt das Tradition, auch Kreativität, je nachdem, was beim Sehen mehr auffällt. Es ist wie in der Quantenphysik mit dem Dualismus von Welle und Teilchen, dessen Ergebnis jedesmal von der vorgenommenen Versuchsanordnung abhängt.

Sehen ist ein Akt der Erfindung, so wie das Herstellen eines Bildes ein Akt der Erzeugung ist. Und weil aus Nichts nichts entsteht, ist alles seit jeher schon da gewesen und wird jedesmal, von Fall zu Fall und von Bild zu Bild, neu ins Werk gesetzt beziehungsweise in einer jedesmal anders variierten Zusammenstellung aufgetischt. Der Tisch muss sein. Auf ihm fängt alles an.

Auf dem Tisch in der Ausstellung von Jörg Mollet und Annatina Graf stehen zwei Teller, die den Ort der Produktuion bilden: Küche, Laboratorium, Atelier. Es sind synonyme Ausdrücke. Man geht in die Küche und fängt an zu kochen. Oder ins Atelier, um ein Bild zu malen.

Der Tellerrand wird zum Horizont, über den der Blick hinausgeht. Jenseits davon beginnt das Universum, die Vergrösserung, der offene Raum. Umgekehrt führt der Blick von aussen, aus weiter Ferne, mitten auf den Teller, das heisst in die nächste Nähe, in die Welt des Kleinen, an den Anfang.

Die Suppe im Teller ist die brodelnde Ur-Masse, mit der alles begonnen hat, das kreative Chaos, aus dem die materiellen ebenso wie die visuellen und visionären Erscheinungen der Welt, zu denen auch das Bild als Kunstwerk gehört, hervorgegangen sind und sich entfaltet haben. In jedem der beiden Teller schwimmt, eingegossen in eine Kunststoffmasse, je eine Fotografie der Augen von Mollet und der von Graf. Sie bilden den Ausgagnspunkt einer Kette von Assoziationeen, aus denen sich immer neue Einsichten in den Ursprung und die Aussicht afu die Bedeutung des Bildes ergeben. Sehen heisst interpretieren und aus alten Bildern und Bildelementen ein neues zusammenszusetzen.

Es heisst auch, in den Bildwelten zu navigieren und sich darin wie auf einem Ozean zu orientieren. Die Augen im Teller auf dem Tisch gehen uaf die Darstellung der Santa Lucia auf einer Wandmalerei im Stil der Giotto-Schule in der Kirche Santa Maria Assunta in Brione (Verzascatal) zurück. Dort haben Mollet und Graf sie gesehen. Alles weitere hat sich ergeben. Es ist nicht schwieriger zu verstehen als das. Ich sehe, ich verstehe. So gehen einem die Augen und ein Licht (Augenlicht) auf . Mit Lichtgeschwindigkeit sieht man, was auf dem Bild zu sehen ist.

Santa Lucia soll der Überlieferung nach ihre Augen ausgerissen und ihrem Geliebten geschickt haben, was die Madonna veranlasst hat, ihr noch schönere zu schenken. Nun sieht sie wieder, mit Augen, die alles sehen können, nur sich selbst nicht. Für die Kunst allerdings sind Augen, die sehen, unverzichtbar. Ohne Augen keine Kunst. Was sieht man also in der Ausstellung? Das zentrale Werk besteht aus einem fünfteiligen Zyklus von Aquatintadrucken auf dupliertem Shoji-Papier, dem Mollet und Graf den Titel "Zeig mir dein Meer" gegeben haben.

Das Meer verdoppelt das Thema der Suppe, die ein unerschöpfliches literarisches Thema ist. Suppe ist harmlos und hinterhältig, wie das Meer verlockend und fürchterlich ist. Victor Hugo hat es in seinem phantastischen Roman "Les travailleurs de la mer" beschrieben, Graf wiederum Auszüge aus dem Textkörper des Buchs als Gestaltungselement in ihre Bilder aufgenommen, so wie sie fotografische Fragmente ihres eigenen Körpers in ihre Bilder einbezogen hat. Mollet hat dagegen auf seinen Bildern, die wie diejenigen von Graf als Tischsets den Tisch mit den Suppentellern umgeben, Fundstücke und Schwemmgut verwendet, Abfälle, die er an der Costa da Morte in Galizien gesammelt hat. Damit wiederholt das Meer auf überraschende Weise ein weiteres Mal das Thema der Suppe und der Strand in Galizien den Tellerrand. Beim Strand weiss man nicht ganz genau, ob er das Festland vom Meer oder umgekehrt dieses von jenem trennt.

So werden biografische und persönliche Erinnerungen, Einfälle und Gedanken als Elemente und Motive für die Bildproduktion eingesetzt, wie die Zutaten für eine Suppe, die umgerührt wird, bis das Werk entstanden ist. Eine wunderbare alchimistische Verwandlung. Wer hätte das für möglich gehalten!

 

     
     
     
     
     
     
     
   

 


Wellenschläge, Strandansicht, Meerestiefe

Alchimie Umwandlung von unedlen Stoffen in Gold durch Erhitzung. siehe Kunst.

Auge Sieht alles ausser sich selbst.

Bild (1) Ablagerung und Verkörperung von Vorstellugen und Visionen, siehe Körper, (2) Kunst.

Chaos Der Ursprung der Formen.

Costa da Morte Meeresstrand in Galizien, Fund- und Ablagerungsort des Schwemmguts, das Jörg Mollet in seinen Bildern verwendet. Siehe Finisterre, Strand.

Finisterre (1) Westlichster Punkt von Spanien, in Galizien gelegen, "Ende der Welt", (2) Ort, wo sich die Nachricht von der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus verbreitete, Anfang der "Neuen Welt". Siehe Costa da Morte.

Horizont (1) Die Kunst, über den Tellerrand hinauszusehen, (2) Trennungslinie zwischen Himmel und Erde, Land und Meer. Siehe auch Küste, Strand.

Hugo, Victor 1802-1885, französischer Schriftsteller. Stellte eine Gedankenverbindung zwischen "See" und "Seele" her.

Körper (1) Ort der Ablagerung der Bildmotive, (2) Motiv in den Bildern von Annatina Graf.

Küche (1) Laboratorium der Welt, (2) Bedeutet für den Koch das gleiche wie das Atelier für den Künstler.

Kunst Ein beinahe alchimistischer Vorgang, wenn man versucht herauszufinden, woher die Elemente eines Kunstwerks kommen und wie sie zusammengefügt werden.

Küste Siehe Costa da Morte, Horizont, Strand.

Meer (1) Zusammenhängende Wassermasse, 362 Mio km2, macht 71 Prozent der Erdoberfläche aus, (2) "das Innere des Meeres betrachten, heisst die Phantasmen des Unerforschten heraufbeschwören" (Victor Hugo). Siehe Suppe (2).

Santa Lucia Opferte ihr Augenlicht und wurde zur Lichtbringerin (von lat. "lux", Licht).

Schwemmgut Was das Meer zurückgibt, siehe Costa da Morte, und Kpnstler manchmal in ihren Bildern verarbeiten.

Sehen "Esse est percipi", Sein ist Sehen (George Berkeley), (2) "Ich sehe" kann soviel bedeuten wie "ich verstehe". Siehe Auge.

Strand (1) Zwischenzone, auch Litoral (das) genannt, (2) Für Badende ein Tummel- und für Künstler ein Trümmerfeld.

Suppe (1) Metapher für das Meer, (2) "Ungerührte Meerestiefen" nennt der Koch Andris in der Erzählung "Der Schwan in Stücken" von Tim Krohn die mit Sepia verdickte Bouillabaisse.

Teller Die Welt im Kleinen.

Tisch Metapher für die Welt.

Welt (1) Fläche, Scheibe, Teller in der antiken Vorstellung, (2) Alles, was auf dem Tisch Platz hat.

 

Aurel Schmidt, Basel, in "NEUBEKANNT 2000: Jörg Mollet, Annatina Graf", Katalog zur Ausstellung in der Galerie Rössli, Balsthal, 2000

 

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