Schaudern auf Seide
Annatina Graf in der Chelsea Galerie Laufen
Die Arbeiten der gebürtigen Zürcherin Annatina Graf auf unterschiedlichen
Medien sind von einer verführerischen, trügerischen Schönheit.
Schaurig schön mystisch - geheimnisvolle Klänge plätschern
dahin, eine zarte Frauenstimme scheint eine Melodie zu singen, doch
im selben Augenblick verebbt sie wieder. Auf der dunklen Wasseroberfläche
blitzen Lichtreflexe. Ist es der Mond, der durch das Blätterwerk
der Bäume scheint? Gebannt starren wir auf die winzigen, sich kräuselnden
Wellen, versuchen, die Lichtpunkte zu einer Figur zusammenzupuzzeln,
doch die bewegte Fläche verzerrt das Spiegelbild, verweigert dem
Betrachter, etwas zu erkennen.
Wie lange schon stehen wir hier? Sekunden, Minuten ? Plötzlich
durchbricht ein Kopf die spiegelnde Wasserfront. Fast unbeweglich gleitet
er zwischen Wasser und Luft dahin. Wie ein Messer durchschneidet ein
schrecklicher Gedanke unsere Wahrnehmung. Da endlich bewegt sich der
kleine Körper und schwimmt unbekümmert durchs Bild.
SINNLICH. Spannender als das
neue Video "Wasserzeichen" von Annatina Graf hätte selbst
Hitchcock einen Krimi nicht inszenieren können. Der vierminütige
Streifen scheint eine Ewigkeit zu dauern. In ihm kulminiert alles frühere
Werk der Solothurner Künstlerin: Die Blumenteppiche, die Grenzerfahrungen
mit der eigenen Haut, die Sinnlichkeit ihrer Gemälde. Jedes Bild
ihrer Ausstellung in der Chelsea Galerie führt gleich einer Spur
zu dieser schön schaurigen Sequenz: Das Gesicht, dessen Umrisse
wir bereits aus den Gemälden kennen; die romantische Schönheit
der Seidentapeten, die Graf malt oder direkt als Fond ihrer Gemälde
benutzt, und die Blumenranken, die man sich zu gut als Begrenzung der
Wasseroberfläche vorstellen kann.
OPAK. Man glaubt, selbst in einen
Monet'schen Seerosensteich einzutauchen, die opake Oberfläche hinter
sich zu lassen und die dunkeln Räume dahinter ergründen zu
können. Doch nie gewährt uns die gebürtige Zürcherin
den vollen Einblick. Stets sind es nur Ausschnitte, Fragmente, die sie
uns zeigt. Ihre Gemälde verfremdet sie im Computer zu Schattenbildern.
Wie Drucke, die in zu wenig Farbe getaucht wurden, geben sie nur partiell
das reale Bild wider. Aus den Bruchstücken versuchen wir, ein Ganzes
zu rekonstruieren. Die spiegelnde Wasseroberfläche wird zum Symbol
der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Traum und Wirklichkeit,
zwischen Innen und Aussen.
Tief unter dem Fenster der Chelsea Galerie umspülen die Wellen
der Birs die vermoosten glitschigen Steine. Selten sind Raum, Werk und
Natur zu einer solchen konzeptionellen Einheit verschmolzen. Verführerische,
trügerische Schönheit oder wie der Titel der Schau treffend
heisst: "così bello, così pericoloso".