| „Così bello, così
pericoloso“ steht auf Warnschildern an den Ufern der Verzasca,
um die Leute davon abzuhalten, dem Sirenengesang zu folgen und sich
in die gefährlichen Fluten zu stürzen. Zahllose Gedichte und
Geschichten, Mythen und Märchen bezeugen die immerwährende
menschliche Faszination für dieses gleichzeitig unendlich schöpferische
wie zerstörerische Element, aus welchem das darüber reflektierende
Subjekt zum grössten Teil besteht. In seinem Roman "Les travailleurs
de la mer" thematisierte Victor Hugo die Analogien zwischen der
menschlichen Psyche und dem Wesen des Meeres. Auf diesen Text bezog
sich Annatina Grafs frühere Arbeit „Zeig
mir Dein Meer“, wo Bilder von Textausschnitten mit Bildern
von Körperausschnitten in Dialog getreten waren. Die Haut diente
dabei als ein der Meeresoberfläche verwandtes Bild für den
Grenzbereich zwischen rational erklärbarer Aussenwelt, für
die erfassbare Luftzone und der geheimnisvollen Innenwelt, der gleichzeitig
lockenden wie angsteinflössenden Tiefe.
In „Zeig mir Dein Meer“ (2000) wie auch in den folgenden
Werkgruppen spielte die Vergrösserung von nackten Körperfragmenten
eine wesentliche Rolle. Dabei blieben diese Fragmente in der Regel zwar
noch als körperhaft spür- und lesbar, doch nicht exakt identifizierbar.
Die Ebene der Körperoberfläche wurde in der Serie „unverblümt“
erweitert um die auf der Haut glühende Blumen-Lichtgirlande. Blühendes
Feuer auf der nackten Haut der Künstlerin, von ihr selbst fotografiert
– „così bello, così pericoloso“ gilt
auch hier. In der Vergrösserung und gleichzeitigen Auflösung
der Konturen vermischten und durchdrangen sich die beiden Ebenen soweit,
dass das Ausgangsbild nicht mehr lesbar war, sich anstelle einer Oberflächenerkundung
aber Räume öffnen konnten für eigene Assoziationen der
Betrachterin.
In den jüngsten Arbeiten von Annatina Graf taucht die Wasseroberfläche
wieder auf, diesmal nicht als Referenz, sondern als Erscheinungsbild.
Angelpunkt sind Videobilder einer von einer Schwimmerin bewegten Wasseroberfläche
in einem hellblau gestrichenen Pool. Wirft man einen Stein in stehendes
Wasser, ergeben sich voraussehbar kreisförmige Wellen um die Einwurfstelle.
Eine Schwimmerin hingegen erzeugt durch ihre Bewegungsabläufe ein
individuelles Wellenmuster. Dass die Schwimmerin Laura, die damals 8-jährige
Tochter der Künstlerin ist, trägt zur Emotionalisierung des
Bildes bei. Dies hat für die weiteren Bildgestaltungen insofern
eine Bedeutung, als dass es der Künstlerin beim formalen Experimentieren
mit ihrem computerunterstützten Auflösungs- und Überlagerungsverfahren
hilft, die innere Beziehung, die Intensität des Bildbezugs aufrechtzuerhalten.
In einem ersten Schritt stellte Annatina Graf einen visuellen Bezug
zwischen der Bewegtheit der Wasseroberfläche, den fortlaufend sich
verändernden Reflexionsmustern und der geordneten Vielfalt der
Muster eines orientalischen Teppichs her (Installation,
Kunstmuseum Chur, 2003). Das Verbindende zwischen einer bewegten, lichtreflektierenden
Wasseroberfläche und einem buntmustrigen Orientteppich liegt in
der Aktivierung der Wahrnehmung und Imagination der Betrachterin. Immer
neue Bilder tauchen vor dem inneren Auge auf, gehen ineinander über.
Die Idee des Vexierbildes liegt auch den mit sparsamen Tuschetupfen
auf Tapetenmuster übertragenen Bildern der Schwimmerin zugrunde.
In der Überlagerung von Tapetenmuster und Tuschetupfen ergeben
sich unerwartete Lesarten auf der Basis des immer gleichen Ursprungbildes.
Im Verlauf der weiteren Bildbearbeitung hat Annatina Graf die Glanzlichter
auf der Wasseroberfläche immer stärker herausgearbeitet und
verselbständigt. Eine eindrückliche Verdichtung durch die
gleichzeitige Überlagerung der Themen und Bildebenen wird in dem
neuen Video der „Wasserzeichen“ (2004) erfahrbar. Farblich reduziert auf starke Schwarz-Weiss-Kontraste
bewegt sich die Schwimmerin durch die Überlagerung zweier verschiedener
Zeiteinheiten zeitverzögert durch das Bildfeld, wodurch ihre Funktion
als Bewegungsauslöserin akzentuiert und durch die um sie herum
entstehenden Bewegungsbilder fast ins ursprünglich Kreatürliche
erhoben wird. In den stark plastisch wirkenden Bildern der verfremdeten
Wasseroberfläche meint man einmal Lava zu erkennen, dann sich auftürmende
Gebirge, dann wieder eine Art Ursuppe. Unterlegt von einem stark assoziativ
wirkenden Klangteppich, der manchmal dräuend, dann wieder beruhigend
vor sich hinplätschernd den verlangsamten Bewegungsablauf gleichsam
beschallt, fühlt man sich in einen Urzustand versetzt, an welchen
das körpergebundene Wasser sich ja möglicherweise zu erinnern
imstande sein kann. Womit eine Brücke zurück geschlagen wäre
zu der Analogie zwischen dem Wesen der menschlichen Seele und des Gewässers.
Jedenfalls liesse sich eine stimmige Assoziationskette von den Blütenlichtern
über die in den letzten Jahren von Masaru Emoto erfolgreich publizierten
fotografierten Wasserkristallen – die sich durch positive Energie
verschönern lassen – bis hin zu den durch Bewegung erzeugten
Glanzlichtbildern knüpfen. Wesentlich für die Arbeit der Künstlerin
aber ist, dass sie immer ausgehend von „Urbildern“, die
in engem Bezug stehen zu ihrer condition humaine, durch gleichzeitiges
Auflösen der Strukturen und Überlagern von Bildschichten dem
Betrachter zwar die Freiheit zu eigenen Vorstellungsverknüpfungen
gibt, diese sich jedoch intuitiv im Umfeld der Beweggründe der
Künstlerin abspielen.
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