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| Texte / Annelise Zwez, November 09 | ||
| Text zur Ausstellung von Annatina Graf und Franz Gratwohl im Gluri Suter Huus in Wettingen, November/Dezember 2009 Vorbemerkung: Dieser Text enstand aufgrund einer intensiven und spannenden Diskussion mit den Künstlern im Atelier von Annatina Graf in Solothurn (23. Okt. 2009) Das Ausstellungsteam des Gluri Suter Huus hat zuweilen einen siebten Sinn. Wir haben uns zu Beginn des Gesprächs überlegt, was wohl ausschlaggebend gewesen war, die Solothurner Multimedia-Künstlerin und den Zürcher Performance-, Video- und Objekt-Künstler für eine gemeinsame Ausstellung nach Wettingen einzuladen. Denn die beiden waren noch nie miteinander in Erscheinung getreten, kannten sich nicht. Es kam uns dieselbe Generation in den Sinn – Annatina Graf ist 1965 in Chur, Franz Gratwohl 1967 in Staufen bei Lenzburg geboren – ferner das Figürliche hier wie dort, das Performative, das Switchen von einem Medium ins andere.... doch sehr bald redeten wir mehr von „anders“ und „nicht so“, fügten aber gleichwohl immer wieder „und doch“ hinzu. Zunächst ganz konkret: Annatina Graf lässt in „Faces“ nach Farbwerten aufgeschlüsselte Fragmente von Aufnahmen ihres eigenen Gesichtes mit dem „Special Effect“ des sogenannten „morphing“ stufenlos und von sphärischer Musik unterlegt ineinander übergehen. Dadurch erhält dieses im Kern eigentlich klassische Porträt mit Kopf und Schultern immer wieder neuen Ausdruck. Wobei die Wirkung durch die Teilauflösung des naturalistischen Bildes in fleckenartige Hell-Dunkel-Verläufe maskenartigen Charakter hat, der sowohl theatralisch wie psychisch interpretiert werden kann. Während man bei Annatina Graf ohne Informationen nicht restlos sicher ist, ob reale Video-Aufnahmen an der Basis stehen oder ob die Bilder gänzlich am Computer generiert sind, scheint es einem bei Franz Gratwohl eindeutig, dass inszenierte Videosequenzen die Grundlage bilden, auch wenn die formale Erscheinung mindestens so abstrakt ist wie bei Graf. Das bringt es automatisch mit sich, dass Franz Gratwohls Arbeit körperlicher wahrgenommen wird. Wir setzen die beiden einander begegnenden Profile sehr schnell zu uns selbst in Beziehung. Eventuell beginnen wir – die Black Box macht uns ja glauben, wir seien allein im Raum – selbst die Muskeln unseres Gesichtes zu bewegen und werden uns so erst so richtig gewahr, was die Bilder ausdrücken – das Aggressive im Vorschieben des Unterkiefers, das Abwehrende im Zurückziehen. Es gibt noch viel zu den beiden Videos zu sagen, hier vorläufig nur noch ein Punkt, der gleichsam überleitet zu den weiteren Arbeiten der beiden in der Ausstellung. Der Vergleich zwischen den beiden Videos weist bei Annatina Graf sehr schnell auf den Hintergrund der Künstlerin als Malerin. Es ist ja nicht so, dass dieses „morphing“ automatisch vor sich geht, sondern Aspekte von Malerei simuliert. Denken sie an den Kubismus, der Oberfläche in Facetten dekonstruiert, denken sie an den Expressionismus, der dem Pinsel erlaubt, Gefühle in Form zu bringen! Statt mit dem Pinsel, „malt“ Annatina Graf mit den vom System berechneten Hell-Dunkel-Werten, indem sie unter den vorbereiteten Versatzstücken das eine oder andere wählt und beobachtet, ob die Veränderung die Arbeit vorantreibt oder in eine Sackgasse führt. Vieles sei spielerisch, sagt sie, aber zugleich lenkt natürlich die subjektive, persönliche Empfindung den Prozess. Sie lässt bedrohliche Wirkung zu, glättet Furchterregendes, treibt harte Kontraste voran oder tendiert zur Sanftheit. Demgegenüber verdeutlicht die Arbeit von Franz Gratwohl in gleichem Mass – nur ganz anders – den Hintergrund als Performer, der mit dem Körper arbeitet, die Mimik, die Haltung als Ausdrucksmittel nutzt, um Inhalte zu formulieren. Dabei ist es typisch für ihn, den Humor immer mit im Boot zu haben. So hat er mit den an seinem Experiment Teilnehmenden geübt und sich versteckt darüber amüsiert, dass seine Aufgabestellung keine einfache Kontrolle am Spiegel zulässt, weil man sich selbst ja nur mit mindestens zwei Spiegeln im Profil sieht. Es sollte ja auch Bewusstsein einfliessen, nicht einfach Pose. Nicht nur einmal musste er als Trick einfliessen lassen, die Probanden sollten beim Kinn Vorschieben an einen verhassten Chef denken und beim Zurückziehen an etwas Ekelerregendes – eine Schnecke am Salat vielleicht. Pointiert nennt Franz Gratwohl die Arbeit einem Abzählreim gleich „und raus bist du“. In der Analyse ergibt das bei Annatina Graf etwas Fluides, sich ständig im Fluss Befindliches, Offenes, das letztlich von jedermann und jederfrau anders erlebt wird, während bei Franz Gratwohl die Fokussierung, die Konzentration auf klar definierte und mit Abweichungen repetierte Formen das emotionale Spannungspotential enthält. Interessant ist, wie wortlos wir „Faces“ von Annatina Graf gegenüberstehen und wie sehr wir das Bedürfnis haben die Arbeit von Franz Gratwohl zu kommentieren. Gehen wir nun zu den Arbeiten im ersten Stock des Hauses, so gilt es das bereits Erkannte mitzunehmen, auch wenn hier ganz andere Arbeiten ausgestellt sind. Annatina Graf zeigt Malerei, Franz Gratwohl ein raumgreifendes Objekt. Hier wie dort ist der Wunsch das Wesen Menschen zu ergründen Antriebsfeder, doch die Fährte, die sie legen grundverschieden. Sehr viel materieller präsentiert sich die Arbeit von Franz Gratwohl, obschon sie gar nicht sooo weit weg ist von den Bildern – erneut: Es ist eine spannende Kombination, diese Ausstellung. Franz Gratwohl gelingt es auch in seinem Mehrfiguren-Objekt Performance in eine andere mediale Präsentationsform überzuführen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt viele Performance-Künstler, die nie den Weg vom aktiven Tun zur Repräsentation im Galerie- oder Museumsraum finden. Ein anderes positives Beispiel wäre Victorine Müller mit ihren Luftskulpturen aus Polyäthylen. Im Vergleich der beiden Hauptarbeiten im unteren Raum sehen wir also zwei forschende Positionen, die äusseren und inneren Phänomenen des Heute auf der Spur sind. Spannend ist, dass es diesmal eher die Bilder von Annatina Graf sind, die uns zu wortreichen Kommentaren anregen, während uns Franz Gratwohls Objekt-Performance-Arbeit ins Dilemma einer Stellungnahme zwischen verschiedenen Sichtwinkeln versetzt. Weitere Werke – das „Faultier“ draussen vor dem Haus, die malerischen Umsetzungen von Annatina Grafs Video im Treppenhaus und die Reminiszenzen an eine „Modeschau“ von 10-Jährigen an einer Geburtstagsparty zeigen, dass die Ausstellung nicht Solitär--Arbeiten sind, sondern in den Kontext umfangreicher Werke gehören.
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| Annelise Zwez, November 2009 | ||
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