ANNATINA GRAF

Annatina Graf. «L’amour court les rues»

Vernissagerede Galerie Rössli, 11.3.2018

 

 

VON PATRICIA BIEDER, KUNSTHISTORIKERIN, SOLOTHURN

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Annatina

 

Heute vor einem Jahr war Annatina Graf in Paris. Der Frühling zeigte sich vielleicht auch noch etwas von seiner zaghaften Seite, wie es heute in Balsthal der Fall ist. Im Rahmen des Atelierstipendiums des Kantons Solothurn weilte die Künstlerin von Januar bis Juni 2017 in der „Cité Internationale des Arts“, einem Atelier- und Wohnkomplex im 4. Arrondissement. Das Kuratorium für Kulturförderung stellt Solothurner Künstlerinnen und Künstlern während je sechs Monaten das Künstleratelier in der „Cité Internationale des Arts“ zur Verfügung. Die Cité liegt direkt an der Seine am Quai de l’Hôtel de Ville, es sind nur wenige Schritte über die Pont Marie zur Île Saint-Louis. Vielleicht geht es Ihnen wie mir, und vor dem inneren Auge tauchen Bilder von Paris auf. Eine Entsprechung mögen unsere eigenen Erinnerungsbilder in der Bildwelt von Annatina Graf finden. Alle Werke, welche die Künstlerin aktuell in der Galerie Rössli präsentiert, sind während ihres Atelieraufenthalts in Paris entstanden und werden nun, gleichsam als Ernte, erstmals öffentlich gezeigt.

 

Die Ausstellung trägt den verheissungsvollen Titel „L’amour court les rues“. Der romantisch klingende Satz ist ein Zitat, ein gesprayter „tag“ des französischen Street Art Künstlers Wilfrid, den er seit einigen Jahren als Spur in der ganzen Grossstadt an Fassaden, Mauern, Schilder oder Unrat hinterlässt. Ursprünglich als Entgegnung auf ein resigniertes „L’amour est mort“ gedacht, das ein anderer Sprayer in schwarzen Lettern an eine Wand geschrieben hatte, erhält die Parole „L’amour court les rues“ heute vor dem Hintergrund der terroristischen Anschläge eine noch dringlichere Bedeutung. Annatina Graf ist dem Satz auf ihren ausgedehnten Stadt-Wanderungen durch Paris immer wieder begegnet, und so taucht der Satz auch in der Ausstellung mehrmals auf, etwa in der Arbeit, die eine weggeworfenen Matratze zeigt; sie ist auch auf der Einladungskarte abgebildet. So trist die Vorstellung einer auf der Strasse liegenden, ausgemusterten Matratze ist, kommt ihr nun mit dem Satz „L‘amour court les rues“ als „Liebesnest“ eine neue, symbolische Bedeutung zu, in der „Stadt der Liebe“ sowieso.

 

Wie wichtig Atelierstipendien für das künstlerische Schaffen sind, zeigt sich bei Annatina Graf eindrucksvoll. In Paris hat Annatina Graf ihr Bildreservoir um neue Motive und Themen erweitert. Die räumliche Knappheit des Pariser Ateliers und das Wissen um den Rücktransport der geschaffenen Arbeiten in die Schweiz haben sie mitunter dazu angeregt, mit entsprechend leichten Materialien zu arbeiten, so etwa Kalkpapier, das in seiner Feinheit und Transparenz die Flüchtigkeit von Annatina Grafs Momentaufnahmen betont. Gleich geblieben ist ihre Art des lasierenden Farbauftrags und der Bildfindung. Als Vorlage für ihr malerisches und zeichnerisches Schaffen nutzt die Künstlerin ihr eigenes Fotoarchiv. Hat sie in der Vergangenheit häufig ausgehend von privaten Schnappschüssen und Fotos aus ihren Familienalben gearbeitet und Serien zu ihren Kindern, Familienangehörigen oder Freunden geschaffen, so tritt das Private der früheren Arbeiten in den aktuellen Werken aus Paris in den Hintergrund. Vielmehr reagierte Annatina Graf in Paris auf die verschiedensten Reize, die ihr die Stadt bot, und hielt diese auf ihren Stadtspaziergängen mit der Handy-Kamera fest. Dabei erweist sich die Künstlerin, wie bereits in der Vergangenheit, als äusserst aufmerksame, empathische Beobachterin, die auf die sinnlichen Eindrücke antwortet, die ihr die Welt bietet.

Die Ausstellung in der Galerie setzt mit drei Arbeiten ein, die mit Mes voisins inconnus betitelt sind. Der Werktitel bezieht sich auf die unbekannten Nachbarn von Annatina Graf in Paris, die gleich unter ihr – im Freien – übernachteten. Annatina Graf zeigt die schlafenden Obdachlosen, die sich vor der nächtlichen Kälte schützend in Decken hüllen. Dabei stellt sich bei manchen Figuren ein Kippmoment zum Landschaftlichen ein, lassen gewisse der schlafenden Figuren doch an eine Berglandschaft denken. Die Werkserie der schlafenden Obdachlosen erinnert an die berührenden Bilder von Schlafenden der Serie Another World (2010-11), die Annatina Graf 2014 anlässlich ihrer Einzelausstellung im Kunstmuseum Solothurn gezeigt hatte. Die Silhouetten der schlafenden Personen trug sie damals mit weisser Farbe auf der Silbergrundierung auf. Je nach Standpunkt des Betrachters wurde dabei die Darstellung sichtbar, tauchte das Motiv auf oder eben ab. Ohne schillernden Glanz oder Spiegelung aber liegen Annatina Grafs dunkle voisins inconnus nun da. Ebenso überraschend wie präzise ist die Wahl des Bildträgers, der Ausdruck inhaltlicher Überlegung ist. So wie der Karton hier das Motiv trägt, trägt er auch im realen Leben den Körper der schlafenden Obdachlosen und bietet als Schlafunterlage eine Form von Schutz vor der Kälte des Bodens. Der Karton betont die existenzielle Bedrängnis der dargestellten, liegenden Figuren.

 

Ihnen gegenüber steht der angespannt aufrecht stehende, schwer bewaffnete Polizist, der heute ebenso zum Bild von Paris gehört wie die Obdachlosen. Auch sie sind deshalb Annatina Grafs „unbekannte Nachbarn“ und sind wie die Darstellungen der Obdachlosen Teil der Serie Mes voisins inconnus. Innerhalb der Werkgruppe kommt es zu einer spannungsvollen Gegenüberstellung, nicht nur aufgrund der liegenden und stehenden Figuren und der letztlich damit verbundenen passiven respektive aktiven gesellschaftlichen Stellung, sondern auch farblich. Während Annatina Graf die Figuren der Obdachlosen mit ihren Decken und Schlafsäcken zu einer monochromen, aus dunklen Lasuren aufgebauten Einheit fasst, hängen ihnen die mehrfarbigen, bunt schillernden Polizisten gegenüber. Annatina Graf erzeugt die bunten Farbklänge durch ein schrittweises lasierendes Auftragen der Farbschichten, gleich einem Plotter. Neben der Farbigkeit ist die collagenhafte Komposition der einzelnen Arbeiten bemerkenswert. Annatina Graf verbindet die Figur des Polizisten mit Einzelteilen aus ihrem Bildreservoir, etwa einer Fotografie, die ihren Sohn als jungen Knaben mit Taucherbrille zeigt. Es sind disparate Momente, Erinnerungen und Eindrücke, die sich einem Traum ähnlich auf dem leuchtend weissen Papiergrund verbinden, um in ihrer farblichen Leichtigkeit fast schon wieder zu verblassen.

 

Die Stadt-Wanderungen, die Annatina Graf in Paris unternommen hat, das Sich-Treibenlassen durch die Strassen, erinnert an die von Charles Baudelaire geprägte literarische Figur des Flaneurs, der als Stadt-Wanderer „den Ballons gleich reist“ (Baudelaire, Die Blumen des Bösen). Die Stadt wird dabei zur faszinierenden Quelle der Inspiration. Von der Stadt als Inspirations-Quelle zeugen im zweiten Raum die Werke der Serie Sensations. Der Titel lässt sich mit Wahrnehmungen oder Sinneseindrücken, aber auch mit Empfindungen übersetzen. Und es geht bei den Werken wesentlich um Momente, die Annatina Graf berührt, ihre Aufmerksamkeit geweckt haben. Auch hierfür bediente sie sich aus ihrem reichen Fundus von Fotografien, die sie während der Spaziergänge durch Paris gemacht hat. Sie projizierte ausgewählte Fotografien auf das Kalkpapier und trägt die schwarze Tusche schichtweise auf. Es sind oftmals unspektakuläre Motive, doch geht von den Arbeiten eine bestimmte Atmosphäre aus. Die Motive lassen sich teilweise erst auf den zweiten Blick erkennen, sind beschnitten oder in ungewohnter Perspektive gezeigt. Das Schichten der Lasuren führt zu einer Verdichtung, gleichzeitig wird das Licht zum Thema, indem die Künstlerin die Transparenz und Leichtigkeit des Kalkpapiers nutzt und gleichsam zur Regisseurin des Lichts wird.

 

Die randabfallenden Darstellungen halten das Momenthafte von Paris fest. Die Bilder haben häufig eine Schnappschuss-Wirkung, Annatina Graf setzt die gewollte Zufälligkeit von Bildausschnitt und Komposition als Stilmittel ein. So, wie Annatina Graf „den Ballons gleich reist“, leicht also, und sich treiben lassend, so wirken auch die Arbeiten fliessend, flüchtig, den Augenblick thematisierend. Die Monochromie der Bilder, die impressionistische Unschärfe und die Transparenz des Kalkpapiers entsprechen dem Inhalt – es sind eigentliche Erinnerungsbilder, die mit der Zeit verblassen. Dem Momenthaften steht der langsame Arbeitsprozess gegenüber, der für das Schaffen von Annatina Graf zentral ist.

 

Gehört der zweite Raum den anekdotischen Motiven, die Annatina Graf in den Strassen von Paris fotografiert hat, beziehen sich zwei Arbeiten im Kellergewölbe auf zwei Marmorskulpturen, welche die Künstlerin im Musée d’Orsay mit der Kamera festhielt. Im Atelier projizierte sie die Fotografie auf das Kalkpapier und schichtete das Motiv in feinen Lasuren mit Silbertusche. Die Skulptur wird über die Fotografie in die Malerei übersetzt, wobei das Motiv auf dem feinen Papier erst durch die Bewegung des Betrachters vor dem Bild erkennbar wird. Lassen die Darstellungen vorerst an Gesteine denken, entdecken wir pro Bild nach und nach je einen weiblichen Körper, der lasziv auf einem Sockel posiert. Bei den Darstellungen handelt sich zum einen um die malerische Übersetzung der Skulptur Femme piquée par un serpent von August Clésinger. Die äusserst realistisch dargestellte Skulptur einer sich vor Schmerzen windenden nackten Frau hat im Entstehungsjahr 1847 einen Skandal ausgelöst. Zum andern malt Annatina Graf La jeune Tarantine (1871) von Alexandre Schoenewerk. Die beiden Bildhauer stellen die liegenden Körper in einer äusserst gezierten, künstlichen Pose zur Schau. In der Wirkung der feinen Silberlasuren in Annatina Grafs Bildern entziehen sich die beiden Figuren jedoch einer schnellen Schaulust. Vielmehr modelliert Annatina Graf den nackten Körper behutsam mit feinen Tuschestrichen. Durch das Changieren der Silbertusche wirkt es je nach Standpunkt des Betrachters, als würde die Künstlerin den weiblichen Körper mit den schillernden Lasuren gleichsam beschützen, ja zudecken wollen.

 

Die beiden Werke der liegenden Frauen bilden einen Übergang zu Annatina Grafs voisins inconnus am Anfang der Ausstellung und schliessen damit den Kreis. Für das Schaffen von Annatina Graf, das zeigt ihre Ausstellung in bemerkenswerter Weise, ist der Blick auf ihre eigene Umgebung wesentlich. Ob in Paris oder Solothurn, es gelingt der Künstlerin eindrucksvoll, alltägliche, flüchtige Momente, eigene Wahrnehmungen und Empfindungen bildnerisch zu fassen und damit Überlegungen zu Erinnerung und Vergänglichkeit, aber auch zum Wesen des Bildes und zu unseren Sehgewohnheiten anzustossen.

 

 

Patricia Bieder, 2018